„Ich glaube, mein Bistum ist das schönste der Welt“: Begegnung mit Bischof Clemens Pickel
„Ich glaube, mein Bistum ist das schönste der Welt“: Begegnung mit Bischof Clemens Pickel
Seit mehr als 20 Jahren leitet der deutsche Bischof Clemens Pickel eine Diözese, die größer ist als Frankreich, Spanien und Deutschland zusammen.
Seine Diözese St. Clemens von Saratow erstreckt sich über weite Teile Südrusslands – vom Kaukasus bis zum Ural. Auf einer Fläche von mehr als 1,3 Millionen Quadratkilometern leben nur rund 20.000 Katholiken.
Clemens Pickel wurde am 17. August 1961 in der DDR geboren, nur wenige Tage nach dem Bau der Berliner Mauer. Er wuchs als Angehöriger einer katholischen Minderheit in einem atheistischen Staat auf. 1988 zum Priester geweiht, ging er 1990 – noch vor der Wiedervereinigung – auf eigenen Wunsch in die Sowjetunion.
Nach dem Zerfall der UdSSR gehörte er zu den Wegbereitern des kirchlichen Neuaufbaus. 1998 wurde er mit nur 36 Jahren Weihbischof, 2002 erster Bischof der neu errichteten Diözese St. Clemens von Saratow – passenderweise angesichts seines Vornamens.
Seit 2017 steht er (mit einer Unterbrechung) an der Spitze der Russischen Bischofskonferenz. Im Mai dieses Jahres empfing ihn Papst Leo XIV. zu einer Privataudienz.
In diesem E-Mail-Interview spricht Bischof Pickel über seine Kindheit in der DDR, seine Berufung, die turbulenten Jahre nach dem Ende der Sowjetunion und die heutigen Herausforderungen der katholischen Kirche in Russland.
Dieses Interview wurde aus Gründen der Klarheit und Kürze redaktionell bearbeitet.
Sie wurden 1961 im kommunistischen Ostdeutschland geboren. Wie entstand Ihre Berufung zum Priestertum in einem kulturellen Umfeld, in dem religiöser Glaube weitgehend entmutigt wurde?
Ja, religiöser Glaube wurde entmutigt. Sie haben recht damit. Es gab in der DDR keine Kirchenverfolgung. Niemand saß für seinen Glauben im Gefängnis. Jungen, bekennenden Christen wurde gewöhnlich das Hochschulstudium verweigert. Das war schon beinahe das Schwerste, was einem zustoßen konnte. Im Vergleich zur westlichen Hälfte Deutschland sahen wir uns natürlich als Leidende, aber wir wussten kaum etwas über den wirklichen Kreuzweg unserer Brüder und Schwestern im Osten.
Dass Christus mich ruft, Priester zu werden, schien mir anfangs eine Sache zwischen uns beiden: Er und ich. Erst im Laufe der Zeit wurde mir klar, wie viele Menschen an diesem Weg standen, den wir Berufung nennen. Gläubige Eltern, ein tägliches gemeinsames Abendgebet seit Kindertagen zu Hause, gute Seelsorger, die uns besuchen kamen, obwohl oder weil wir die einzige katholische Familie im Dorf waren, … Eine kleine Welt, in der Gott und die Heiligen ihren festen Platz hatten. Das war meine Antwort auf die Frage des Weihbischofs, als es um meinen Eintritt ins Priesterseminar ging: „Ich möchte Priester werden, weil ich mich in der Kirche wie zu Hause fühle und das vielen weiterschenken möchte.“ – Natürlich müssen Motivationen gereinigt und gefestigt werden, aber für den Anfang hatte das genügt. Später folgten 8 Jahre lähmenden Zweifels, in denen Gott mich gehen, aber nie fallen ließ. Auch da waren es wieder Menschen am Wegesrand, denen ich es verdanke, dass ich nicht aufgab: gleichaltrige Freunde in der damaligen Tschechoslowakei, die ihren kompromisslosen Glauben mutig im Untergrund lebten, ein berühmter Theologieprofessor, der mir viel von seiner kostbaren Zeit schenkte, meine geduldigen Eltern u.v.m.
Aus welchen Gründen wurden Sie 1990 in die Sowjetunion entsandt? Und wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Es war meine eigene Bitte, gehen zu dürfen. Die DDR war damals ein geschlossenes Land. Unsere ostdeutschen Diözesen hatten praktisch keine Missionare, Studenten o.ä. im Ausland. Im August 1989 bat ich den Bischof in Dresden um Freistellung für die Seelsorge in der Sowjetunion, also noch vor dem Fall der Berliner Mauer, in einer sehr bewegten Zeit. Zur Begründung hatte ich Kanon 271 im CIC auswendig gelernt. Ich verstand mich nicht als Missionar, sondern als Seelsorger für Menschen, die seit Jahrzehnten (!) auf einen Priester warteten. Und der Bischof willigte ein. Eine Brieffreundschaft mit deportierten Wolgadeutschen, die seit 1979 bestand, als nämlich eine Großmutter aus der UdSSR in Deutschland zu Besuch war und in der Hoffnung auf Kontakte zur Kirche Adressen verteilte, führte zu meiner ersten Reise hinter den Eisernen Vorhang. Jene Großmutter fragte uns im vollen Ernst: „Den Heiligen Vater in Rom – gibt’s den noch?“ An jenem Abend fühlte ich zum ersten Mal, wie isoliert Christen in der Sowjetunion über Generationen hinweg ausgehalten hatten, ohne Priester, ohne Kirche, ohne Bibel oder Religionsunterricht usw.
Nun durfte ich ab 1. August 1990 für drei Jahre zu diesen Menschen kommen, die sich noch kurz zuvor Jahrzehnte lang sonntags auf Friedhöfen zum Gebet versammelt hatten und schnell auseinanderliefen, wenn ein Fremder auftauchte, weil kirchliche Versammlungen verboten waren und bestraft wurden. Ehrlich gesagt, ich fühlte mich ein wenig stolz, denn ich ging, um zu helfen, was kein anderer helfen konnte. Ich war eben als Priester gefragt: wegen der Beichten, wegen der Eucharistie. Jedoch musste ich innerhalb kürzester Zeit vor meinem Gewissen bekennen: Diese Gläubigen halfen mir mehr als ich ihnen helfen konnte. In ihrem Leben stand der Glaube so klar an erster Stelle! Ja, es waren wenige, die ausgehalten oder überlebt hatten. Wunderbare Menschen, die unbeschreibliches Leid erfahren hatten! Sich dessen nicht bewusst, brachten sie mir bei, ohne Angst zu sagen: „Ich liebe die Kirche.“ Ich habe manches von ihnen gelernt, wovon ich im Priesterseminar nie etwas gehört hatte, was aber nun wichtig wurde für meine Priestersein.
Als die Sowjetunion schon am Bröckeln war, im April 1991, ernannte Papst Johannes Paul II. die ersten beiden Bischöfe für Russland. Damit begann die Wiedergeburt kirchlicher Strukturen im Land. Der nun für den asiatischen Teil ernannte Bischof, Pater Joseph Werth SJ, hatte gerade begonnen, dort wo Stalin 1941 die Deutschen deportieren ließ, eine Kirche zu bauen. Überlebende kehrten voller Hoffnung zurück an die Wolga, „weil es da einen Pater gibt“, wie sie sagten. Er bat mich, aus dem mittelasiatischen Duschanbe an die Wolga zu kommen, um weiterzumachen, was er begonnen hatte. Das war eine Zeit des Aufbruchs, voller Freude und Hoffnung, obwohl wirtschaftlich schwere Jahre bevorstanden.
Die meisten Katholiken, denen ich begegnete, waren deutscher Nationalität. Das hängt mit der Zarin Katharina II. zusammen, die selbst Deutsche war und in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts Landsleute ins Zarenreich eingeladen hatte. Als nun die Sowjetunion zusammenbrach (Weihnachten 1991) und der Eiserne Vorhang fiel, nutzen die meisten von ihnen die Chance, in die Heimat der Vorfahren zurückzukehren. Unsere wiederentstandenen Gemeinden bluteten aus, wurden wesentlich kleiner, gleichzeitig aber auch russisch-sprachiger und multinationaler. (In Russland leben über 190 ethnische Gruppen.) Da zu unserem Kirchenverständnis das Bild von Familie gehört, wir sind Brüder und Schwester, und das in der Praxis besonders in Diasporaregionen zu spüren ist, hatten unsere kleinen katholischen Gemeinden etwas Attraktives an sich, was uns, gepaart mit einer intensiven caritativen Tätigkeit, beinahe zum Verhängnis wurde: Uns wurde Proselytismus vorgeworfen, „Menschenfang“.
Im Jahr 1998 wurden Sie bereits im Alter von nur 36 Jahren zum Bischof ernannt. Warum, glauben Sie, wurde Ihnen diese Verantwortung so früh in Ihrem kirchlichen Leben übertragen?
Die Begründung ist einfach. Nachdem die beiden 1991 ernannten Bischöfe ein paar Jahre lang in Rom um Hilfe, sprich: Weihbischöfe, gebeten hatten, wurden Kandidaten gesucht. Die Auswahl war nicht groß. Mir schrieb man vielleicht Verdienste zu, die in Wahrheit die Frucht großartiger Seelsorge von einheimischen Ordensschwestern waren, mit denen ich arbeiten durfte.
Papst Johannes Paul II. jedenfalls, war – wie sollte es auch anders sein – nicht in alle Details eingeweiht. Als ich ihn 4 Monate nach meiner Bischofsweihe zum ersten Mal besuchte, sagte er jedenfalls lächelnd (auf Russisch!): „Na, so ein junger Bischof!“ Und ich führte den Scherz antwortend fort: „Das ist doch nicht meine Schuld…“
Worin sehen Sie die Gründe für die enge Verbundenheit zwischen der katholischen Kirche in Russland und der Kirche in Deutschland?
Erstens: Die katholische Kirche in Deutschland hilft an vielen Orten der Welt. Die Spendenbereitschaft, auch wenn sie aus verständlichen Gründen zurückgeht, ist ein sehr positives Zeichen für die offenen Augen und die offenen Herzen vieler Menschen in Deutschland. Adveniat, Missio, Caritas, Kindermission, Kirche in Not, Renovabis … Wir müssen sehr dankbar für diese organisierte Hilfe sein.
Auch die Teilung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg wird eine Rolle spielen. Der Osten Deutschlands wurde über 40 Jahre hinweg sowjetisch geprägt. Das brachte eine besondere – wenn auch von vielen ungewollte - Nähe. Gerade aus der ehemaligen DDR versuchten Geistliche bereits in den 70-er Jahren, in die UdSSR zu reisen: nach Mittelasien, Sibirien und in den Kaukasus, um Kontakt zu deutschen katholischen Christen aufzunehmen, Bibeln und Gebetbücher zu bringen u.v.m.
Wir haben derzeit drei deutsche Bischöfe in Russland. Und die Kontakte der ausgewanderten Russlanddeutschen, bzw. deren Geschichte überhaupt, wird eine nicht unwichtige Rolle spielen.
Eine ebenfalls enge Verbindung zur katholischen Kirche in Russland wird man auch der Kirche in Polen, Amerika und Italien bestätigen dürfen, wobei hier bei uns präsente Priester und Ordensgemeinschaften eine Rolle spielen, aber auch materielle Unterstützung und Interesse allgemein.
Wie zerbrechlich all das ist, wovon ich eben gesprochen habe, erleben wir in der gegenwärtigen Zeit.

Seit 2002 stehen Sie der Diözese St. Clemens in Saratow als Bischof vor. Wie würden Sie diese Diözese einem Katholiken beschreiben, der beispielsweise in den Vereinigten Staaten lebt?
Ich war nie in den USA. Wie also beschreiben? Bei einem Treffen mit 100 Bischöfen aus der ganzen Welt, kurz vor der Jahrtausendwende, stellte mich ein amerikanischer Kardinal den anderen mit folgenden Worten vor: „Und das hier ist unser Benjamin aus Russland. Der leidet darunter, dass er keine Kurie hat, aber ich sage ihm: Das ist ein Segen!“ – Scherz beiseite: Ich weiß, dass meine Diözese nicht bis zum letzten „i-Punkt“ dem Kirchenrecht entspricht. Wir sind wenige. 20.000 Katholiken unter 52.000.000 Einwohnern, also eine Minderheit von weniger als 0,05 %. Es gibt kaum Gremien. Zum offiziellen Beraten habe ich den Generalvikar und 6 Dekane, praktisch aber auch andere Priester, Ordensleute und Laien. Wir haben eine gute katechetische Kommission. Und im Büro, in der „Kurie“, sind wir zu dritt: eine Ordensschwester als Ökonomin und Sekretärin, der Generalvikar und ich, wobei ich mehr als 50 % meiner Zeit nicht im Büro bin. Manche Flughäfen hier im Südwesten Russland sind seit einigen Jahren geschlossen. Ich fahre viel mit dem Auto, wenn ich Pfarreien besuche. Für manche Strecken brauche ich zwei Tage. 1.342.807 Quadratkilometer umfasst das Bistum, also etwa so viel wie Portugal, Spanien, Frankreich und Deutschland zusammen. Die 24 Orte, an denen hier katholische Priester leben, sind also weit voneinander entfernt, wie Oasen in der Wüste.
Einmal im Jahr lade ich alle Priester und Ordensleute zu einer fünftägigen Pastoralkonferenz ein, denn die Einsamkeit kann einem über den Kopf wachsen. Dann gibt es Vorträge zur Weiterbildung, aber auch Zeit für gemeinsames Gebet, für den Erfahrungsaustausch und für Erholung. Diese Treffen sind sehr wichtig für die Einzelnen, aber auch für uns als Bistum, damit wir gemeinsam auf dem gleichen Weg unterwegs bleiben. Viermal im Jahr bitte ich, sich auf Dekanatsebene zu versammeln. Der Schwerpunkt in der Seelsorge hat sich in den letzten Jahren von Kindern und Jugendlichen auf Familien verlagert.
Unsere Pfarrgemeinden liegen, wie gesagt, Hunderte von Kilometern voneinander entfernt. Oft kennen die Gläubigen ihre Nachbargemeinde nicht. Man kann aber sagen: Wer katholische ist, ist es nicht zufällig. Es geht herzlich zu. Wenn ich komme, werde ich empfangen wie einer, der zur Familie gehört, ohne Berührungsängste. Viele sind arm. Wenn ich z.B. zur Firmung in den Süden oder Nordosten des Bistums fahre, sind es mehr als 1.000, ja 1.500 km. Autobahnen gibt es bei uns nicht. Manchmal brauche ich zwei Tage für die Hinreise und zwei Tage zurück. Wieviel Zeit dann fürs Büro übrigbleibt, kann man sich ausrechen.
Ich glaube, mein Bistum ist das schönste der Welt, nicht nur der Menschen wegen. Der Nordkaukasus mit dem 5.642 m hohen Elbrus und Astrachan am Kaspischen Meer, 28 m unter Null, das Schwarze Meer, die Wolga und der Don, Grenzen mit Kasachstan, Georgien und der Ukraine, Steppe und Ausläufer des Uralgebirges …
Wie haben sich die Diözese und das Leben im Süden Russlands während der mehr als zwei Jahrzehnte, in denen Sie dort als Bischof wirken, verändert?
Nun, wir können nicht mit Zahlen protzen. Wer im Annuario Pontifico, dem vatikanischen Schematismus der Weltkirche, nachschaut, sieht leicht rückläufige Zahlen. Wir hatten und haben nur ganz wenige einheimische Priester. Fast alle waren und sind Ausländer. Denen bin ich dankbar für ihre Opferbereitschaft, denn die Lebensverhältnisse hier sind für die meisten weniger komfortabel als in deren Heimat. Auch bekommen die meisten kein Gehalt und leben von Messstipendien und kleinen Unterstützungen. Derzeit haben wir keinen einzigen jungen Mann, der im Priesterseminar für unsere Diözese studiert. Aus gesundheitlichen oder Alters- Gründen kehren Ausländer heim. Einige wurden in den letzten Jahren abgeschoben. Ordensgemeinschaften (besonders Schwestern) schließen ihre Niederlassungen. Und wir haben es in 30 Jahren Freiheit noch immer nicht geschafft, die katholische Kirche in Russland wieder auf eigene Beine zu stellen. Die Wunden der Verfolgung im letzten Jahrhundert sind tiefer als wir es erwartet hatten. Priester werden mit „Otiec“ (Vater) angesprochen, nicht nur als Titel, sondern weil viele nach einer schweren Kindheit nach einem guten Vater suchen…
Ich möchte nicht, dass es pessimistisch klingt. Aber dass es schwere Feldarbeit ist, wenn man die Seelsorge in Russland ernst nimmt, ist wahr, genauso wahr wie der hundertfache Lohn, den Jesus schon jetzt verspricht (Mk 10,29). Wir sind müder geworden, was sicher auch mit der Situation in der Welt zusammenhängt. Es kommt vor, dass ich bete: „Herrn, vergiss nicht, dass es letztlich Deine Kirche ist, um die es hier geht!“ Wichtig ist, dass wir geistlich wach bleiben! Manchen spreche ich zu oft darüber.
Was hat sich geändert? Es gibt keine lineare Entwicklung, würde ich sagen. Nach jahrelangem Auf und Ab hat sich das Gemeindeleben in den Großstädten einigermaßen stabilisiert. (Im Bistum gibt es 6 Millionenstädte.) Es gibt weniger Kinder, sowohl in unseren Pfarreien als auch insgesamt, ausgenommen einige Regionen im Kaukasus. Wegen deutlich besserer Gehälter fahren Männer immer noch für Wochen oder gar Monate in die Metropolen Russlands, was sich negativ auf den Zusammenhalt der Familien auswirkt. Als Diasporakirche mit weiten Wegen, kalten Wintern und oft armen Gläubigen sind wir auf Spenden von außerhalb angewiesen. Ein mühsames Thema in Zeiten von Wirtschaftssanktionen u. dgl.
Im März wurden Sie zum zweiten Mal zum Vorsitzenden der russischen Bischofskonferenz gewählt.
Was sind Ihrer Ansicht nach die größten Herausforderungen und Chancen, vor denen die katholische Kirche in Russland insgesamt heute steht?
Spontan fällt mir auf diese Frage eine aktuelle Situation ein: Der Erzbischof von Moskau ist unlängst zurückgetreten. Die beiden Bischöfe in Sibirien werden nächsten Jahr 75. Auch in der (russischsprachigen) katholischen Kirche in Kasachstan haben zwei Bischöfe die Altersgrenze erreicht. Ich glaube, hier kommt eine große Herausforderung auf die entscheidenden Gremien in Rom zu, aber auch auf uns als Ortskirche in der ehemaligen Sowjetunion.
Eine große Herausforderung sehe ich im von Papst Franziskus angestoßenen Synodalen Prozess. Vielerorts, so scheint mir, wird er immer noch mit einer Demokratisierung der Kirche verwechselt. Wir stehen nicht bei „Null“, aber es fehlt eine Art Gleichgewicht: weder die Laien sollen die Priester tragen, noch die Priester ihre Gemeinden. Und doch „trage einer des anderen Last“! (Gal 6,2) Synodalität heißt „gemeinsam gehen“, aufmerksam, ja, liebend!
In Verbindung damit sehe ich auch den ersten Teil des Hauptgebots! Die Säkularisierung hat es sich schon längst in der Kirche bequem gemacht. Vermutlich kann keiner von uns sagen: „Außer bei mir.“ Auf andere Weise und doch wie vor 35 Jahren sehe ich die Mission der Kirche in Russland darin, Jesus Christus wieder nach Hause zu bringen.
Eine große Herausforderung ist es, in einem Staat zu leben, in dem man von „unserer Kirche“ spricht, aber nicht die Deinige meint. Irgendwo zwischen geduldet und gewünscht ist unser Platz. Und diesen Platz soll jeder von uns gern und mit ganzem Herzen annehmen, weil es letztlich der Herr ist, der uns hier her gestellt hat.
Unsere Chance ist: heute. Es ist nicht die Chance auf eine fantastische Statistik, auf Schulen, Kindergärten, Krankenhäuser oder auf Gehaltserhöhung, … Ich hätte gern, dass es einfach klingt: Unsere Chance ist es, Gott heute zu gefallen. Wenn wir die nutzen, kümmert Er sich um den Rest.



